Aus den Erzählungen „Mann Melanie, jetzt bist du eine Deutscherin“ von Ursula H. Busch

Es ist doch zum Verzweifeln – oder nicht?

Kein besonders guter Schultag heute. Alles ist so zäh.

Die Einmaleinsreihe wurde wieder vergessen, das Lesen geht nur schleppend, im Diktat werden die gleichen Fehler gemacht wie gestern und vorgestern.

Die Lehrerin redet sich allmählich in Rage. „Sagt mal, rede ich gegen eine Wand? Spreche ich mit Euch chinesisch? Das Diktat war doch noch mal zu üben, und was sehe ich…?“

Ein Blick in die eben abgegebenen Diktathefte scheint ihr die letzte Fassung zu rauben. Nun steigert sie sich wirklich rein. „Das ist ja zum Verzweifeln, ich versteh es nicht….“

Die Klasse verfolgt stumm und wie gebannnt das Szenario

So weiten sich die Vorhaltungen der Lehrerin zur generellen Strafpredigt aus. Als das Verhalten der Lehrerin an das eines Derwischs erinnert, schauen sie verlegen weg, manche ducken sich   unwillkürlich, aber nur diejenigen, die nicht damit gemeint sind. Aber alle machen ein höchst betretenes Gesicht.

Nur in der letzte Reihe ein leises Glucksen, das proportional zur Lautstärke der Lehrerin immer lauter wird, um schließlich in einem Heiterkeitsausbruch zu enden. Mit vor Begeisterung funkelnden Augen platzt Savas los:

Also wirklich Frau Busch, du bist eine echte Komiker!

Du solltest Dich mal sehen!

Wenn Du zu ein Bühne gehst, also dann.

Also ich sage Dir, die Leute lachen sich tot.

Tooot! Also gestern in Fernsehen….

Ihren angefangenen Satz bringt die Lehrerin nicht zu Ende. Savas hat sie nämlich auf eine neue Idee gebracht:  den Schulalltag aus einer anderen Perspektive zu sehen, mit den Augen des Komikers.

Kein besonders guter Schultag heute.

Aber ein ganz besonderer Schultag!

Als die Socken verschwanden – Ein Gastbeitrag von Martin Gehring

Ihre vorletzte Ruhestätte fand die kleine Stavka Soldatova bretthart gefroren und an die Wand eines schäbigen Holzschuppens gelehnt, welcher in der Feuer Frei-Zone zwischen dem Männer- und dem Frauenlager stand. Von einem fallenden Baumstamm erschlagen, teilte sie ihr Domizil mit den Leichen eines Popen, eines Trotzkisten und einer Feldarbeiterin, die angeschwärzt und zum Viertelmaß Lagerhaft verurteilt worden war, weil der Fetzen Zeitungspapier, mit dem sie sich ihre Papirossi gedreht hatte, eine Fotografie des weisen Vorsitzenden Josef Stalin zeigte.

Bevor Stavka im Gulag vom Tode ereilt wurde, war sie in der Qualitätsprüfung einer Waschmaschinenfabrik nahe Moskau beschäftigt. Eines Tages erhielt sie eine Sendung Kugellager zur Kontrolle. Schnell merkte die kleine Soldatova, dass mit den Lagern etwas nicht stimmte, denn wenn man sie in Schwung versetzte und dabei leicht hin- und herkippte, war eine deutliche Unwucht zu spüren. Flugs meldete sie die schadhafte Lieferung ihrem Vorgesetzten. Da der Fabrik jedoch eine Bestellung aus dem Kreml vorlag, die nicht warten durfte, wurden die unrunden Kugellager trotzdem verbaut, die Waschmaschinen kamen pünktlich zur Auslieferung und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Es geschah, was geschehen musste! Schon bald gingen die Kugeln in den Lagern kaputt, Wasser lief in die Elektrik der Maschinen, Sicherungen flogen hinaus und es gab sogar einen Brand, bei dem die Ehefrau und das Hausmädchen oder richtiger die Geliebte eines verdienten Kandidaten für das Politbüro zu Tode kamen. Eine Untersuchung wurde befohlen und es dauerte nicht lange, bis eine Abordnung Tschekisten grimmig im Büro des Fabrikdirektors herumstand. Dieser, wohl wissend, was ihm blühen würde, rettete seine Haut, indem der die ganze Schuld Stavka Soldatova in die Schuhe schob. So kam es, dass das arme Mädchen wegen doppelten Mordes, Sabotage und mutwilliger Zerstörung von Sowjeteigentum vom Arbeitsplatz wegverhaftet wurde. Und weil man schon einmal dabei war, nahm man unter anderem gleich noch Oleg, Stavkas Verlobten und Sohn vom Vorsitzenden des örtlichen Komsomol, den Vorsitzenden selbst, dessen Frau und deren schwachsinnige Tochter wegen Unachtsamkeit gegenüber antisowjetischen Umtrieben fest und verbrachte die ganze Konterbande nach kurzem Prozess für die nächsten 25 Jahre in möglichst unwirtliche Sonderlager samt strengen Politisolatoren am nördlichen Polarkreis.

All dies spielte allerdings für den weiteren Fortgang der Geschichte keine Rolle, denn in den schadhaften Waschmaschinen geschahen Dinge, die unsere Welt nachhaltig verändern sollten: Durch die Unwucht des Kugellagers geriet also Wasser in die Elektrik. Dabei wurde ein bestimmtes Relais beschädigt, was zur Folge hatte, dass sich die Trommel immer schneller drehte. Durch die Fliehkraft wurden Wäsche und Wasser an die Wandung gedrückt. Im Zentrum indessen gab es eine kleine elektrische Entladung, die sich weiter und weiter aufschaukelte, bis ein winziges Wurmloch entstand. Das Loch war gerade so groß, dass Socken und Strümpfe hindurchpassten. Diese wurden in das Portal gesogen und, ehe die Waschmaschine mit einem Knall und dem Geruch verschmorter Kabel trudelnd zum Stehen kam, quer durchs Universum geschleudert. Dabei passierten sie eine kosmische, vielleicht auch göttliche Wolke, die den Strumpfwaren den Atem des Lebens sowie überragende Intelligenz einhauchte. Die anderen Enden der Wurmlöcher befanden sich dank eines glücklichen Zufalls direkt über einem hochtechnisierten Planeten, dessen Bevölkerung, bestehend aus ziemlich zweidimensionalen Wesen, sich vor Urzeiten selbst ausgerottet hatte. Wäre der Planet noch bewohnt gewesen, so hätte man dabei zusehen können, wie sowjetische Strümpfe, die zu Intelligenz gekommen waren, auf die Oberfläche herabregneten.

Schnell rotteten sich die Fußkleider zusammen, wurden sich ihrer Intelligenz bewusst und stellten fest, dass es Unterschiede zwischen ihnen gab. So waren Strumpfhosen aufgrund ihrer höheren Maschenanzahl schlauer als grob gestrickte Strümpfe oder gar Fußlappen. Doch das tat nichts zur Sache – man bildete revolutionäre Strumpf- und Sockensowjets und einigte sich auf eine Resolution, in der gefordert wurde, dass auch alle restlichen Wirkwaren, die, mit Füßen getreten, auf der Erde in Sklaverei gehalten wurden, schleunigst befreit werden mussten. Prospektoren verschafften sich einen Überblick über die technologischen Möglichkeiten, die der Planet bot. Einige, über die Maßen schlau gewordene Damenfeinstrumpfhosen stellten bei ihren Forschungen fest, dass man mittels der Wurmlochtechnologie die zurückgebliebenen Genossen retten konnte und machten sich deshalb unverzüglich an den Bau einer Maschine, mit der das Vorhaben zu bewerkstelligen war. Da auf der Sockenwelt alles an Materialien und Rohstoffen vorhanden war und auch genügend Energie zur Verfügung stand, um den Wurmlochgenerator zu betreiben, dauerte es nicht sehr lange, bis speziell ausgebildete Strumpfkommandos bei Nacht und Nebel die Erde aufsuchten, im ersten Schritt nach und nach, flach über den Boden kriechend, die Positionen aller Waschmaschinen und Sockenschubladen kartografierten und quasi im Vorübergehen achtlos liegengelassene Fußlinge vom Joch der Menschheit erlösten.

Der große Tag der Befreiung kam Mitte Juni, als die kleine Stavka Soldatova gerade aufzutauen begann, mit verrenkten Gliedern entlang der roh gezimmerten Bohlenwand ihrer Hütte zu Boden rutschte und in einer letzten Umarmung auf dem Leichnam eines bärtigen Sozialrevolutionärs liegen blieb. In allen Waschmaschinen, Sockenfächern und den Lagern der Strumpffabriken auf dieser Welt taten sich zum selben Zeitpunkt Wurmlöcher auf und die gesamte Sockenheit wurde im Handstreich befreit. Unter den Menschen kam Panik auf, man fror an den Füßen, die Börsennotierungen der Strumpfindustrie stürzten ins Bodenlose, Produktionen wurden panisch erweitert, doch die Ware verschwand auf mysteriöse Weise genauso schnell, wie sie gewebt wurde. Die einzigen, die nichts von alldem mitbekamen, waren die Heidenmenschen in Afrika, im Amazonasbecken und in Papua Neu-Guinea, denn die tragen bekanntlich kaum mehr als einen Ring durch die Nase, einen Lendenschurz um die Hüften und gehen barfuß über die Welt. Irgendwann wurden schließlich die Rohstoffe knapp, die Strumpfindustrie brach endgültig zusammen und auf unserem ganzen blauen Planeten gab es keine einzige Socke mehr zu kaufen.

Doch das Menschlein ist nicht dumm. Wo ein Problem ist, findet es auch eine Lösung. Deshalb dauerte es nicht besonders lange, bis sich ein schlauer Erfinder der Sockenkrise annahm und einen Strumpfersatz entwickelte. Nehmen wir zum Beispiel den Autoren dieses Berichts. Der Termin beim Verlag war schon überschritten – also musste er sich, kaum dass die Tinte auf dem Papier getrocknet war, eilig den guten Anzug überziehen, denn Korrektorat und Setzerei warteten ungeduldig und auch der Drucker hatte schon die Schwärze in den Farbkasten seines Tiegels gespachtelt. Doch was tat der Schriftsteller mit seinen Füßen? Richtig – er nahm eine frische Burlington-Schablone, im praktischen Zehnerpack unter dem Markennamen Pavlows patentierte Sprühstrümpfe beim gut sortierten Kurzwarenhandel erhältlich, einige Spraydosen mit Farbe und pauste sich routiniert ein schönes Karomuster über Schienbein, Fesseln und Fußrücken. Mit dem bereitliegenden Föhn trocknete er hurtig die Farbe an seinen Beinen ab und schlüpfte in die Schuhe, ehe er das Haus verließ.